Fotografie – manipulierte Wirklichkeit?


„Das menschliche Auge sieht anders als die Kamera„. Schließlich blendet das menschliche Auge störende Elemente sofort aus, die Kamera nimmt wiederum ungefiltert das auf, was tatsächlich vor ihr zu sehen ist. Wir fotografieren das, was tatsächlich zu sehen ist und nicht das, was wir meinen zu sehen.

Irina und Oldtimer_DSC5464

Wir Menschen sehen in einem Blickwinkel von ung. 45 Grad. Davon sieht das Auge nur 20 % scharf. Unser Gehirn blendet alles, was für ihn als störend erscheint, aus. Unser Auge fällt auch immer auf die Objekte, die uns entweder bekannt sind oder die besonders kontrastreich sind. Alles andere ist für das Auge zweitrangig. Habt ihr zum Beispiel gewusst, dass für uns Bilder im Querformat deswegen so vertraut sind, weil wir eben auch im Querformat sehen?

Gudrun auf der Treppe_DSC3738

Die Kamera nimmt also das auf, was unser Gehirn auch ausblendet. Wenn das aber so ist, dass die Kamera ungefiltert die Wirklichkeit aufnimmt, warum behauptet man dann, dass die Fotografie die Wirklichkeit manipuliert? Stellen wir uns einfach vor, wir stehen vor einem Motiv und möchten es aufnehmen. Geht es jetzt schon um eine Art Manipulation, wenn wir die Kamera unseren Vorstellungen nach einrichten, sie auf den Kopf stellen, das Objektiv zoomen bzw. sogar die Kamera so drehen, um ein verfremdetes Bild zu bekommen? Beeinflussen wir die Wirklichkeit, indem wir uns eine eigene Bildkomposition ausdenken, die Kontraste reduzieren, die Belichtungszeit oder die ISO extrem erhöhen?

Irina im weißen Oldtimer_DSC4875

Oder manipulieren wir die Wirklichkeit, indem wir die Bilder im Nachhinein im Bildbearbeitungsprogramm unseren Vorstellungen nach richten? Wenn wir einen bestimmten Ausschnitt nehmen, das Bild in ein HDR umwandeln oder bestimmte Elemente einfügen, die nicht da waren? Dann wäre aber Composing eine Art Manipulation, oder? Warum behauptet man dann, dass mit einem Bild „das besondere Moment“ auf dem Bild festgehalten wird? Dass man Bilder macht, um die flüchtigen Momente zu verewigen? Wenn wir doch nicht die Wirklichkeit aufnehmen, ist das Ergebnis dann auch nicht mehr wahr, oder nicht?

Gudrun mit Hund_DSC3678

Ich muss zugeben, ich stelle absichtlich so viele Fragen und liefere keine klaren Antworten, weil ich euch dazu bewegen möchte, euch ein paar Gedanken zu dem Thema zu machen. Das ist meiner Meinung nach ein sehr spannendes Thema und wir Menschen nehmen die Dinge einfach so an, ohne darüber nachzudenken, warum es so ist. Jetzt haben wir die Möglichkeit, darüber nachzudenken. Ist es nicht so? Wie seht ihr das? Geht es in der Fotografie um eine Manipulation oder nicht? Ich bin sehr auf eure Kommentare gespannt :). Eure bilere

 

18 Gedanken zu “Fotografie – manipulierte Wirklichkeit?

  1. Was für spannende Fragen und was für eine interessante Diskussion! Deine Bilder geben ja bereits Antworten 🙂 Sie sind auf bezaubernde Weise subjektiv. Kunst eben.
    Wenn die Kamera vieles anders sieht, sehen wir das denn dann wenigstens auf dem Foto mit dem Kamerablick?? Auch der Blick bleibt ja immer subjektiv…
    Herzlich, Petra

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  2. Für mich ist ein Foto niemals objektiv, den die Kamera ist mein verlängerter Arm. Fotografie ist stets „manipuliert“. Standort, Blende, Ausschnitt. Und wer mit Jpg fotografiert überlässt die Interpretation der fotografierten Situation der Software der Kamera. Die Kamera „sieht“ nicht wie das menschliche Auge, sie hat einen wesentlich geringeren Dynamikumfang. Wie soll ein Foto dann die so genannte Wirklichkeit abbilden? Auch die Dokumentarfotografie kann daher niemals objektiv sein.
    Ich finde das ehrlich gesagt aber auch nicht schlimm. Man muss sich nur dieser Tatsache bewusst sein, um nicht alles als Wahrheit zu akzeptieren nur weil sie einem auf dem Bild als Wahrheit erscheint.

    Gefällt 2 Personen

    1. Der verlängerte Arm ist eine tolle Erklärung. Das muss ich mir merken ;). Ich finde es auch nicht schlimm, dass die Fotografie ziemlich subjektiv ist. Wenn alles objektiv wäre, wäre es sicher viel zu langweilig ;). lg bilere

      Gefällt 1 Person

  3. Diese Gedanken habe ich mir schon oft gemacht und es gibt letztlich natürlich keine allgemein gültige Antwort. Für mich geht es in der Fotografie darum, was zu zeigen, was ich sehe. Was eben eine Herausforderung ist, weil ich eben selektiv sehe und ausblende, was nicht passt. Und das macht Fotografie wirklich spannend. Denn um es dahin zu bekommen, das kann richtig Arbeit zu sein. Aber eben spannend.
    Allgemein betrachtet ist Fotografie eine Kunstform – oder kann es sein. Und damit subjektiv. Als Kunsthistorikerin weiß ich eines: es gibt keine allgemeingültige Definition von Kunst 😉

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  4. Jede kulturelle Äußerung ist subjektiv. Durch die Wahl des Bildausschnitts lenke ich gezielt die Aufmerksamkeit des Betrachters, durch die Perspektive verrate ich meinen Standpunkt. Löse ich den Vordergrund von seinem Hintergrund, reiße ich aus dem Zusammenhang heraus. Objektive Fotografie ist m.E. unmöglich, so dass ich auch ruhigen Gewissens retuschieren kann. Grüße, Michael

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  5. Ich sehe eine bestimmte Szene bzw. ein Objekt, und habe dabei Eindrücke und Empfindungen, die Kamera jedoch nicht. Auch wenn ich noch so sehr mit ihr quasi verwachsen bin, sie ist und bleibt ein emotionsloses Stück Technik. Daher teilt sie meine Sicht der Dinge nicht, sondern gibt sie – manchmal ganz knallhart – objektiv wieder. Mittels Bildbearbeitung kann ich später – und ich bin sehr dankbar dafür, dass es Lightroom, Nik Collection etc. gibt! – das gefühllose Abbild so zurecht rücken, bis es dem, was ich mithilfe meiner Augen, der Seele und meines Geistes gesehen habe, ziemlich nahe kommt. 😉
    Tut mir leid, ich kann das nicht besser ausdrücken. 😉
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 2 Personen

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