Bildinterpretation & unsere Wahrnehmung


Nach welchen Gesetzen richtet sich ein Fotograf, um bei seiner Bildkomposition auf ein bestimmtes Motiv aufmerksam zu machen? Welche Gesetze beachtet der Betrachter, wenn er sich dafür entscheidet, das Bild zu interpretieren? Diese Fragen stellen wir uns in der Fotografie viel zu selten. Auch die Frage nach der menschlichen Wahrnehmung gehört eher in die Disziplin der Psychologie und nicht der Fotografie. Dabei sind die Kenntnisse der Bereich oft bei der Interpretation unserer Bilder entscheidend.

Justyna in Blau_DSC5791.JPG

Stellen wir uns doch einfach vor, wir möchten ein Motiv fotografieren, das nicht freigestellt werden kann. Gründe dafür gibt es genug: Eine Blume wächst auf einer Wiese voller Blumen, eine Person befindet sich in einer Menschenmenge oder ein Vogel fliegt in einer Vogelschar in die weiter Ferne. Blenden wir doch erstmal die Tatsache aus, dass man mit der richtigen Blendeneinstellung, der Entfernung zum Objekt bzw. dem richtigen Objektiv alles freistellen kann. Mit welchen Methoden kann ich dem Betrachter vermitteln, dass ich gerade die Geschichte dieser konkreten Blume, dieser konkreten Person oder dieses konkreten Vogels erzählen möchte? Oder anders gefragt, woher weiß der Betrachter, dass ich gerade dieses Objekt in den Mittelpunkt gestellt habe?

Justyna liegend_DSC3771

Der Mensch ist einfach gestrickt. Sein Gehirn sucht immer nach Zusammenhängen, nach dem Altbekannten, nach größtmöglicher Einfachheit bzw. nach Regularität. Wenn ich eine Rose unter den Wiesenblumen habe, deren Name ich nicht kenne, wird mein Blick als Erstes auf die Rose fallen. Auch wenn wir eine Wiese voller Rosen haben, wird unser Gehirn diese Rose wählen, die ein besonderes Merkmal hat: vielleicht ist sie größer, rötlicher oder hat einfach mehr Blätter. Entscheidend ist, dass sie sich von den anderen Rosen stark unterscheidet. Das ist das Gesetz der Prägnanz.

Irina mit Trompete_DSC4379

Wie sieht es damit aus, wenn wir eine Person in einer Menschenmenge fotografieren? Erkennen wir es ziemlich schnell, ob die Person zu der Gruppe gehört oder nicht? Ja. Das ist auch der Verdienst unseres Gehirns. Es erkennt ziemlich schnell die Vertrautheit von Menschen, wenn sie sehr nah an der konkreten Person sind. Die Nähe bedeutet gleichzeitig die Zusammengehörigkeit. Nur Freunde, Familie oder einfach Bekannte lassen die Nähe zu den Anderen zu, keine Fremden. Das ist auch das Gesetz der Nähe.

Justyna mit Blatt_DSC5867

Noch ein interessantes Beispiel: Wie sieht es mit bestimmten Figuren aus? Gehen wir davon aus, wir möchten eine kreisförmige Figur fotografieren. Wenn das ein vollständiger Kreis ist, ist es auch kein Problem. Was geschieht aber, wenn der Kreis durch ein anderes Element unterbrochen wird? Z.B. eine Straßenlaterne ist seitlich kaputt oder durch ein Tuch verdeckt oder ein Ball hat eine Delle usw.. Erstaunlich, aber unser Gehirn erkennt auch in dem Fall, dass es sich um eine kreisförmige Figur handelt. Warum? Das Gesetz der Geschlossenheit gibt vor, dass unser Gehirn die Unvollständigkeit vervollständigt. Es blendet den Fehler einfach aus, weil es weiß, dass es sich um einen Kreis handelt. Ist das nicht faszinierend?

Nehmen wir noch an, wir haben eine Mülldeponie vor Augen. Dort „wachsen“ neben dem Müll auch wunderschöne bunte Rosen: rote Rosen, gelbe Rosen und rosane Rosen. Alle sehen gleich aus, sie sind nur zerstreut. Was tut unser Gehirn in dem Fall? Das Gesetz der Gleichartigkeit besagt, dass gleiche Elemente zusammengehörig wirken. Egal, ob sie zerstreut oder auf einem Müllhaufen liegen. Unser Gehirn blendet den Chaos einfach aus und konzentriert sich nur auf die Rosen. Wahnsinn, oder? Was sagt ihr dazu? lg bilere